Es war ein herrlicher Tag in Senturia: die Temperatur war mild, die Sonne schien, die Vögel zwitscherten munter und Doktor Boh war gut gelaunt. Er war sowieso immer gut gelaunt. Er hatte den Vormittag mit seiner Lieblingsnachbarin verbracht, Luisa. Sie waren zusammen einkaufen gegangen, denn Luisa war nicht mehr die jüngste und Doktor Boh trug gerne ihre Einkaufstasche. Als Dankeschön dafür verwöhnte Luisa Doktor Boh öfters mit hausgemachten Leckereien: da ein Apfelkuchen, da eine Lasagne, da ein Oktopussalat.
Doktor Boh hatte sich dann eine kleine Wanderung im Wald gegönnt, natürlich nicht ohne seine Tasche, die er immer bei sich hatte.
Er lief schon eine Stunde und war vertieft in seinen Gedanken, als etwas sehr Merkwürdiges seine Aufmerksamkeit gewann.
In dem Wald, wo Doktor Boh gerne Spazieren ging, waren üblicherweise keine Steine zu finden. Auf dem Pfad lagen aber jetzt einige runde Steine. Sie lagen mit unregelmäßigem Abstand voneinander.
Er schaute sich weiter den Pfad an, auf dem er sich befand: er war voller solcher Steine.
Er lief mit beschleunigtem Schritt und war jetzt sehr neugierig. Hinter der nächsten Kurve hörte er Stimmen. Erst leise, dann schärfer. Und dann sah er sie, zwei Figuren in der Ferne. Er fing an, deutlich schneller zu laufen. Es schien ihm so, dass die zwei Menschen ein Mann und eine Frau waren. Und sie streiteten!
"Hmmm...das sieht nicht gut aus...", dachte sich Doktor Boh.
Während er sich den zwei näherte, verstand er, warum der Waldweg voller Steine war: Aus dem Mund der zwei Streitenden fielen immer wieder Steine auf den Boden.
Er holte die zwei Fremden ein und sagte mit höflicher und freundlicher Stimme: "Einen schönen guten Tag, hab diese Steine auf dem Weg gefunden, habt ihr sie vielleicht aus Versehen verloren?"
Die zwei wirkten zuerst überrascht, sie hatten die Anwesenheit von Doktor Boh gar nicht bemerkt. Sie schauten dann auf die Steine in den Händen von Doktor Boh. Sie guckten sich an. Dann schauten sie wieder Doktor Boh an. Sie fing an zu sprechen: "Ach! Was gehen uns Steine im Wald an! Siehst du nicht, dass wir gerade beschäftigt sind?". Dabei fielen aus ihrem Mund 2 Steine, ähnlich wie die, die Doktor Boh gefunden hatte. Sie bemerkte dies jedoch immer noch nicht.
“Oh, es tut mir leid, ich wollte nicht stören... Ich frage mich trotzdem, woher diese Steine kommen.” fragte Doktor Boh mit einem Lächeln.
“Woher sollte ich’s denn wissen?” fragte die Frau verärgert. 2 Steine fielen nochmal aus ihrem Mund.
Ihr Mann kam näher zu ihr und schaute mit großen Augen auf die Steine.
“Guck mal da…” lud er sie mit sanfter Stimme ein.
Sie schaute zwischen ihren Füßen und konnte es nicht glauben…
“Das kann doch gar nicht sein! Was ist denn hier los?!” sagte sie, jetzt verängstigt von der Feststellung.
Doktor Boh antwortete ruhig: "Boh, wir wissen es noch nicht. Aber wir können uns das zusammen anschauen, möchtet ihr?”. Die zwei waren sehr verunsichert, wussten nicht genau, was sie antworten sollten…wer war überhaupt dieser Mann, der plötzlich erschienen war?
Doktor Boh ließ eine kurze Pause zu. Er liebte Pausen. Dabei bemerkte er, dass die zwei gerade eine Mischung aus Scham und Traurigkeit ausstrahlten.
Nach einer weiteren kurzen Pause schlug er vor: "Setzen wir uns doch kurz hin...". Genau dort, wo sie standen, gab es 3 geschnittene Baumstämme, die ein Dreieck formten. Da nahmen sie alle 3 Platz.
Doktor Boh schaute kurz in seine Tasche, rührte mit der Hand darin herum, zog aber nichts heraus.
Er unterbrach die Pause und fragte: „Allora, ich glaube, es ist nicht schlimm, aber schön ist es für euch bestimmt auch nicht. Darf ich euch etwas fragen?“
“Ja, bitte” antworteten beide.
“Wie fühlt es sich gerade für euch an? Ich meine, diese Situation, euer Gespräch”
“Es fühlt sich sehr schwer an, hier in der Brust” sagte sie direkt ohne nachzudenken.
“Ich habe Bauchschmerzen…das passiert jedes Mal, wenn wir so streiten…”
“Hmmm…capisco…” Er schaute nochmal in seiner Tasche nach, es sah kurz so aus, als ob er etwas rausziehen würde. “Hmmm…Ich habe tatsächlich eine Idee, warum das hier gerade passiert ist. Ich bräuchte eure Mitarbeit, wärt ihr dabei?”.
“Aber klar!” sagte die Frau. “Es macht mir Angst!”
Doktor Boh erklärte den beiden sein Vorhaben: “Ihr habt bestimmt immer wieder auch schöne Worte füreinander, was sagt ihr euch, wenn ihr einander Freude schenken möchtet?”
Der Mann überlegte kurz und dann sagte er: “Ich sage ihr zum Beispiel immer wieder, dass sie wunderschöne Augen hat. Oder dass ich ihre Stimme mag”. Als er diese Worte fertig ausgesprochen hatte, flogen 2 wunderschöne und bunte Schmetterlinge aus seinem Mund und tanzten zusammen in der Luft.
“Oh wow…”, weitere Töne kamen erstmal nicht aus den zwei komplett verblüfften Menschen…
Nach wenigen Sekunden kindlicher Bewunderung probierte es die Frau auch aus: “Er…er gibt mir ein Gefühl von Geborgenheit, ich mag seine ruhige Art…”. Und das Wunder passierte wieder.
Und jetzt tanzten ihre Schmetterlinge zusammen mit seinen.
Sowas hatten sie noch nie gesehen. In der Tat war Doktor Boh auch fasziniert.
“Warum ist es so?” fragte jetzt der Mann Doktor Boh.
“Boh…ich weiß es auch nicht. Ich glaube, dahinter steckt viel mehr, als wir denken. Aber eins kann ich schon sagen: Das, was man fühlt, kann man nicht unterdrücken, es ist einfach da. Was wir aber kontrollieren können, sind unsere Reaktionen” sagte Doktor Boh mit einem Lächeln. “Und was steckt wirklich hinter unseren Reaktionen…? Das ist die Frage…Ich hätte Lust, mit euch darüber zu reden, und ich hab heute frei. Möchtet ihr es auch?”
“Voll gerne! Bitte!” sagte die Frau.
Doktor Boh fügte ehrlich hinzu: “Allerdings erst nach dem Essen! Ich bin sehr hungrig!”
Alle drei mussten laut lachen. “Ich lade euch zu mir ein, habt ihr Lust?”
Das Pärchen nickte fröhlich zu, dann standen alle gleichzeitig auf und machten sich auf den Weg zum Doktor Bohs Haus. Dabei pfiff Doktor Boh ein munteres italienisches Lied.
