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25. Juni 2026 · verfasst von Nazareno Laurino

Doktor Boh und das wandernde Haus

Die Geschichte eines Hauses, das überall suchte und sich selbst beinahe übersah.

Ein sehr heißer Tag hatte gerade seine Tür geöffnet, als eine Fliege auf seine Nase landete. Ein nasses Handtuch bekam die harte Aufgabe, seinen Körper für die Nacht abzukühlen, mit mäßigem Erfolg.

Doktor Boh hatte nicht die Gewohnheit, einen Wecker zu stellen. Er wachte sowieso sehr früh auf. „Ich bin sehr lichtempfindlich, capisci?“ sagte er immer wieder. Deswegen wurde er auch sehr früh müde, wenn die Sonne abends unterging. Im Sommer konnte er deswegen die langen Tage genießen.

An diesem Tag, den wir als Beginn dieser ungewöhnlichen Geschichte nehmen, und als die Fliege in Ruhe ihre Geschäfte auf seiner Nase erledigte, wurde Doktor Boh jedoch von einem ungewöhnlichen Lärm geweckt...

Mit halb offenen Augen und nur mit einer Unterhose an und 3-Tage Bart lief er zur Tür und erkannte im Halbschlaf die Stimme von Antonio, seinem Nachbar. Er machte die Tür auf.

„Che succede, Anto´?“ - Was ist passiert? fragte Doktor Boh verwirrt.

Sein Nachbar war sonst ein ziemlich entspannter und ausgeglichener Mensch. An diesem Tag wirkte aber so, als ob eine Spinne ihn gebissen hätte.

„Das Haus! Das Haus! Es bewegt sich!“

„Ein Erdbeben oder was?“ fragte Doktor Boh, nach wie vor verwirrt und verschlafen.

„Nein! Kein Erdbeben! Das Haus bewegt sich!“ und während er diese Worte aussprach, schob Antonio Dr. Boh zum Fenster, die noch von den hölzernen Rolläden verdunkelt war.

DRAAATATA. DRATAATA. DRATATAATA.

Die Rolladen waren jetzt oben. Antonio drehte sich um...

„Uh?! Wo bist du, Doktor Boh?!“

Doktor Boh hatte die Gelegenheit genutzt, um in die Toilette zu gehen und sein Gesicht zu waschen. So konnte er besser denken.

„Doktor Boh, was machst du?! Schau her!“

Doktor Boh ließ sich schnell überzeugen, denn eine solche Beharrlichkeit war von Antonio sehr ungewöhnlich...

Er schaute aus dem Fenster ins Tal, wo das kleine Dorf Senturia lag. Und tatsächlich...

Ein kleines Haus aus Holz, ein sehr schönes Haus, bewegte sich hin und her wie eine Flipperkugel.

„Che strano...“, sagte Doktor Boh. Wie seltsam...

„Doktor Boh, du musst unbedingt hin gehen, da stimmt irgendetwas nicht...“.

Doktor Boh ließ sich das nicht zweimal sagen. Er wollte seine Tasche holen und rausgehen...“Wo ist meine Tasche...? Anto´, aiutami a trovarla“. Antonio suchte in seinem Wohnzimmer (das auch sein Schlafzimmer und Küche war) die Tasche von Doktor Boh. Ohne Erfolg.

„Ist egal, du holst eh nie was aus der Tasche heraus, warum schleppst du die überhaupt herum?“

„Doch, ich brauche sie, veramente! Hmm...“

„Ich suche weiter, in der Zeit könntest du dich vielleicht anziehen, oder?“, dabei schaute Antonio mit einem vorwurfsvollen und gleichzeitig komplizenhaften Blick auf Doktor Boh. Der merkwürdige Doktor war nämlich extrem verpeilt, gleichzeitig verfügte er über sehr viel Empathie und eine messerscharfe Intuition. Und vor allem: Er stelle immer die richtigen Fragen. Deswegen war Antonio sein größter Fan.

Doktor Boh bewegte langsam seinen Kopf inkl. seiner Augen in Richtung seines fast komplett nackten Körpers. Als er seinen unschuldigen Blick wieder zu Antonio lenkte, bemerkte er sein liebevolles Lächeln und lächelte ihm zurück. Kurz daraufhin nahm er einfach eine grüne Hose vom Boden und ein buntes Hemd von der Stuhllehne. Socken brauchte er nicht. Genauso wenig wie Schuhe: Barfuß laufen war seine große Leidenschaft. „Ich möchte die Erde unter meinen Füßen spüren, capisci Anto´?“ betonte er immer wieder.

Die Tasche war jedoch immer noch nicht aufzufinden. Doktor Boh spürte ein gewisses Unbehagen, allerdings wollte er nicht mehr weiter auf sich warten lassen. Er öffnete also die Tür und...

Da lag die Tasche! „Doktor Boh...schon wieder...“ sagte Antonio und trug die Tasche für ihn bis zum Dorf, das machte er gerne.

Das wandernde Haus sah richtig verzweifelt aus. Seine Tür ging unwillkürlich und andauernd auf und zu. Von seinem Dach fielen immer wieder Dachziegel runter auf die Straße. Das war gefährlich!

Die Fenster waren zerbrochen. Und was richtig beunruhigend war: Aus dem Schornstein kam schwarzer Rauch heraus. Das bedeutete, dass sein Kamin an war...“Kein gutes Zeichen“, murmelte Antonio vor sich hin.

„Hmmm...“ raunte Doktor Boh, während er sich ans Haus näherte.

„Ist gefährlich, Doktor Boh!“ schrie Antonio, als es schon zu spät war. Doktor Boh lief ganz ruhig zum wandernden Haus und dabei ließ er sich von den fallenden Dachziegeln nicht erschrecken. Seine Tasche hatte er natürlich mitgenommen, ohne dass Antonio das bemerkte.

Der kleine Doktor Boh blieb einfach vor dem großen verwirrten Haus stehen.

„Hey, mein liebes!“ rief er zum wandernden Haus.

Das wandernde Haus schien wie in einer anderen Dimension zu sein und den Ruf von Doktor Boh nicht gehört zu haben.

„Halte kurz an, ich möchte mit dir sprechen!“ rief er nochmal. Und auf einmal wurden die Schritte des wandernden Hauses langsamer, bis es sogar ebenfalls stehen blieb. Als ob Doktor Boh ein magisches Wort ausgesprochen hätte.

„Hey, schön, Dich zu sehen“ sagte Doktor Boh, „ehm...suchst du etwas?“

„Jaaa...“ antwortete verzweifelt das wandernde Haus. „Ich finde es aber nicht!“

„Hmmm...vielleicht kann ich dir bei der Suche helfen, was denkst du?“

„Das bringt ja nichts, ich habe schon überall gesucht...ICH BIN SO WÜTEND!!“

„Ja, das sehe ich, dein Kamin ist an, und wir haben Hochsommer...“. Er dachte ein bisschen nach. „Ich kann dich so gut verstehen! Heute konnte ich meine Tasche auch nicht finden. Und nicht zum ersten Mal...schon nervig...“

„Ah, du verstehst mich...endlich jemand, der mich versteht...“

„Eh, und wie...!“ erwiderte Doktor Boh mit einem verlegenen Lächeln während er sich nachdenklich den Nacken rieb. „Was suchst du denn? Vielleicht habe ich in meiner Tasche das, was du suchst“.

„Es ist nichts, was du mir geben kannst. Das ist unmöglich! Ich werde nie glücklich sein!“

„Ah...capisco...verstehe...“. Eine längere Pause zog sich zwischen dem wandernden Haus und Doktor Boh. Doktor Boh liebte Pausen.

„Suchst du also etwas, das dich glücklich macht? Etwas, dass du noch nicht hast?“.

„Ja! Genau! Also…es ist ein Ort, den ich suche. Ich habe schon so lange gesucht, und finde nichts...ich werde ihn nie finden...“.

„Was für einen Ort suchst du denn?“

„Ich suche einen Ort, wo ich mich zuhause fühlen kann!“

„Aaah...adesso capisco. Jetzt verstehe ich...Lass mich mal überlegen...“ und dabei machte er seine Tasche auf. Und wieder zu. Und öffnete sie wieder.

Das wandernde Haus hatte sich inzwischen beruhigt. Endlich fühlte es sich ernst genommen.

„Könntest du den Ort, den ich suche, in deiner Tasche haben?!“

„Boh...vediamo...“.

Er öffnete wieder seine Tasche. Das wandernde Haus versuchte ebenfalls in die Tasche reinzuschauen, konnte aber nichts erkennen. Und Doktor Boh hatte sie eh schon wieder geschlossen.

Das Haus hob den Blick wieder zu Doktor Boh, und statt sein Gesicht sah etwas anderes: Es sah eine Tür, viele Fenster, ein Schornstein, Vorhänge usw...

Es sah sich selbst! Im Spiegel!

Doktor Boh hielt den Spiegel vor dem wandernden Haus und meinte: „Brauchst du vielleicht einen Spiegel für deine Suche?“

Das wandernde Haus blieb still...aus seiner Dachrinne floßen 2 große Wassertropfen. Es konnte auf einmal nicht mehr reden. Das Feuer im Kamin war auf einmal gelöscht. Es lehnte sich langsam in Richtung Spiegel. Es konnte es nicht glauben...

Man kann es sich kaum vorstellen, aber in dem Moment hätte man sagen können: Das Haus setzte sich hin und hielt inne...

„Also? Brauchst du den Spiegel?“

Keine Antwort. „Ok, dann kann ich ihn wieder in meine Tasche rein stecken“.

Das wandernde Haus fing an zu weinen. Doktor Boh war einfach da. Seine Präsenz war spürbar.

Nach wenigen Minuten umarmte das wandernde Haus Doktor Boh, berührt von dem, was gerade passiert war. Als es wieder sprechen konnte, sagte es: „Ich muss gar nicht suchen.

Ich bin...ICH bin ja schon zuhause...Danke Doktor Boh! Du hast was Gutes bei mir!“.

Antonio hatte die ganze Szene aus der Ferne beobachtet. Er konnte später nicht genau wiedergeben, was sich die zwei seltsamen Akteuren gesagt hatten. Das war ihm aber auch egal. Er wusste ja, dass Doktor Boh eine Lösung finden würde.

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