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14. Juli 2026 · verfasst von Nazareno Laurino

Doktor Boh und der Garten der Möglichkeiten

Eine Tür, ein Garten und die leise Frage, was wir voneinander brauchen.

Doktor Boh lief die ganze Zeit ein paar Meter vor dem Pärchen. Zum einen, weil er einfach etwas Zeit für sich allein haben wollte: Er fand seine Spaziergänge vor allem deshalb schön, weil er dabei seine Gedanken wieder in Ordnung bringen konnte. Zum anderen wollte er einfach dem Pärchen diese Zeit gönnen, nachdem sie gestritten hatten. Und Zeit zu dritt würden sie eh gleich wieder haben.

Er kam als Erster an seiner Haustür an und wartete mit einem freundlichen Lächeln auf seine beiden neuen Bekannten. Als sie ankamen, bewegte er sich nicht. Sein Lächeln blieb ebenfalls.

Die Frau und der Mann plauderten miteinander noch ein Paar Sekunden und dann kehrte Stille ein. Nur der Wind war zu hören, der sich einen Weg durch die Blätter der Bäume suchte.

Doktor Boh pfiff gerade wieder eines seiner italienischen Lieblingslieder.

Wäre jemand von uns dabei gewesen, hätte er sofort ein gewisses Unbehagen bei dem Pärchen gespürt. Die Zeit verging, und Doktor Boh setzte sich auf die Stufe vor seiner Haustür.

Die Frau wurde langsam ungeduldig und flüsterte dem Mann etwas ins Ohr. Er versuchte, sie zu beruhigen und flüsterte etwas zurück. Die Frau wurde immer unruhiger und fragte schließlich: “Ehm…Entschuldigung…Worauf warten wir eigentlich?”

Doktor Boh meinte: “Ich habe darauf gewartet, dass ihr mich fragt, ob wir rein können” und lächelte dabei unschuldig.

“Das ist aber deine Wohnung, wir haben doch darauf gewartet, dass du uns die Tür aufmachst.”, sagte die Frau verwirrt.

Doktor Boh sagte höflich dazu: "Si, certo, ich lass euch gerne rein."

Die zwei nickten, schauten sich gegenseitig an und mussten sich bestimmt verunsichert gefühlt haben. Er war ja eigentlich ein Fremder.

Er machte die Tür auf.

Als sie rein kamen…nein, das trifft es nicht ganz.

Denn in Wahrheit fühlte es sich eher so an, als würden sie durch die Tür hinauslaufen. Vor ihnen erstreckte sich jedenfalls ein riesiger Obstgarten. Einer der besonderen Art. Vieles war so, wie man es von einem Garten erwartet: Rasen, Pflanzen, Bäume, ein paar Bänke. Und auch ein paar Gartenzwerge waren dort, die dem Ort etwas Leichtes gaben.

Was das Pärchen allerdings nicht erwartet hatte, waren mehrere Türen, mitten im Garten.

Sie standen einfach da. Und sowohl hinten als auch vorne gab es keine Räume. Nur ein weiteres Stück Wiese, einen Baum oder eine Bank.

Sehr merkwürdig, dachte sich das Paar, das in dem Moment nur ein paar Schritte verunsichert gehen konnte.

Sie betrachteten alles sehr neugierig: der Ort wirkte ruhig, harmonisch, friedlich. Unbewusst merkten sie: Angst brauchten sie nicht zu haben.

Plötzlich und instinktiv drehte sich die Frau um. Sie suchte die Tür, durch die sie gelaufen waren. Da stand aber ein großer Baum, eine schöne Eiche, sicherlich mehrere Jahrzehnte alt. An dem Baum hing ein Schild:

Der Garten der Möglichkeiten

Hier bin ich Zuhause.

Und die Angst ist der Fremde

Ihr Mund war schon seit mehreren Minuten offen geblieben. Jetzt spürte sie eine gewisse Trockenheit. Sie befeuchtete langsam ihre Lippen, schaute in Richtung Doktor Boh und fing an zu sprechen: “Wo sind wir? Was ist das? Der Garten der Möglichkeiten?!”, dabei drehte sie sich kurz zu dem Mann, und dann wieder zu Doktor Boh.

“É bellissimo, nicht wahr? Das ist ein angstfreier Ort. Diesen Garten habe ich vor ein paar Jahren angelegt, ich komme immer wieder hierher, wenn ich Geborgenheit brauche”. Dabei pflückte er einen roten Apfel von einem Apfelbaum direkt neben sich und bot ihn der Frau höflich an: “Diese Äpfel sind dolcissime, machen süchtig” sagte er lächelnd.

Sie nahm den Apfel entgegen und hielt ihn einfach in der Hand. Sie fragte weiter: “Und was sind das für Türen?! Warum stehen sie einfach so herum?!”.

“Boh, non lo so…Das weiß ich tatsächlich selber nicht, aber wenn du möchtest, können wir uns eine zusammen anschauen, bin selber neugierig, die standen nämlich bis gestern nicht da”.

Sie fand das Angebot sehr merkwürdig, gleichzeitig war sie neugierig und folgte Doktor Boh zu einer dieser Türen.

Als sie näher an die Tür herankam, staunte sie und schrie kurz auf.

Sie machte ein paar Schritte zurück und nach wenigen Sekunden näherte sie sich der Tür wieder.

Wieder ein Schild, diesmal stand ein Name drauf: Diana, ihr Name.

Der Mann blieb dort stehen, wo er die ganze Zeit gestanden hatte. Er war es gewohnt, den Raum anderer Menschen zu respektieren.

Die Frau schaute mit einem fragenden Blick zu Doktor Boh, der sie gerade anstarrte. “Warum habt ihr eigentlich gestritten? Vorher, meine ich?”

Die Frau brauchte zunächst einige Sekunden, um sich wieder zu orientieren. Sie schaute kurz erneut zur Tür, sie wollte eigentlich mehr darüber wissen. Aus Höflichkeit beantwortete sie aber die Frage von Doktor Boh: “Er stellt mir selten Fragen, manchmal habe ich das Gefühl, dass er kein Interesse an dem hat, was ich ihm erzähle. Er ist irgendwie…passiv! So wie jetzt!”. Sie warf dem Mann einen genervten Blick zu.

“Auch jetzt, der fragt nichts! Ich traue mich nicht, ihm Sachen zu erzählen. Selbst wenn ich das tue, hört er einfach zu und sagt kaum was. Er könnte zum Beispiel fragen ‘was ist das für eine Tür? Wollen wir sie aufmachen? Vielleicht ist doch etwas dahinter?’ Stattdessen steht er einfach so herum und guckt zu.” Nachdem sie diese Worte ausgesprochen hatte, seufzte sie schwer.

Der Mann machte ein paar Schritte in ihre Richtung, blieb stehen und sah die Frau sanft an. “Natürlich interessiert mich, was du zu sagen hast. Ich höre dir immer sehr gerne zu. Mir gefällt es, wenn du mir von deinem Tag erzählst. Wenn ich keine Fragen stelle, heißt es nicht, dass ich kein Interesse hab!”.

In diesem Moment kehrte wieder Stille ein. Es war, als hätten auch die beiden keine Kraft mehr zu streiten.

Nach einigen Sekunden konnte man ein leises Flüstern hören. Das Pärchen drehte sich zu Doktor Boh, der überraschenderweise mit dem halben Kopf in seiner berühmten Tasche steckte. Als er den Kopf wieder hob, schaute er nachdenklich zur Frau, zum Mann, wieder zur Tasche…

“Naja, ist nicht so wichtig” sagte er dann schließlich. Dann fragte er unschuldig: “So, was habe ich hier verpasst?”, und lächelte dabei niedlich. “Hast du übrigens die Tür aufgemacht?” fragte er die Frau.

Sie antwortete sofort, ohne nachzudenken: “Natürlich nicht! Wenn mich jemand gefragt hät…”. Das letzte Wort blieb in ihrem Mund stecken. Sie wurde still. Traurig. Gleichzeitig…etwas in ihr wurde weich.

In ihrem Kopf tauchte wieder die Szene von wenigen Minuten zuvor auf. Als Doktor Boh vor seiner Tür stand und wartete. Eine ganze Minute lang schaute sie auf den Boden. Dann hob sie langsam den Kopf und drehte ihn zu dem Mann. Ihre Augen wurden feucht.

Sie drehte sich und ging zur Tür. Zu ihrer Tür. Sie betrachtete das Schild mit ihrem Namen und legte ihre Hand auf die Türklinke.

Der Mann sagte in dem Moment: “Natürlich will ich sehen, was sich hinter deiner Tür verbirgt. Ich warte darauf, dass du es mir erlaubst…”

Sie drückte die Klinke hinunter und öffnete die Tür einen Spalt. Dann drehte sie sich zu ihm um.

Die Frau brach in Tränen aus, rannte zu dem Mann und fiel ihm in die Arme.

Doktor Boh seufzte leise und zufrieden und entfernte sich unauffällig vom Pärchen. Die beiden brauchten jetzt wieder etwas Zeit für sich allein.

Hinter ihr stand die Tür noch immer offen…

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